Nicht jedes Kind braucht eine Zahnspange. Ob und wann eine Behandlung sinnvoll ist, lässt sich aber schon früh erkennen. Eine der häufigsten Fragen von Eltern ist, ab wann sie ihr Kind zum Kieferorthopäden bringen sollten. Erfahren Sie mehr über die Behandlung von Kindern & Jugendlichen und darüber, ab wann eine Zahnspange sinnvoll ist. In diesem Artikel erfahren Sie, wann die erste Untersuchung sinnvoll ist und bei welchen Befunden eine frühe Behandlung Vorteile haben kann.
Die verschiedenen Phasen der kieferorthopädischen Behandlung bei Kindern
Kieferorthopädische Behandlungen können in verschiedene Phasen eingeteilt werden, abhängig vom Alter des Kindes und der Art der Zahn- oder Kieferfehlstellung:
- Frühbehandlung: Sie ist nur bei bestimmten Befunden nötig und findet dann meistens im Alter von 4 bis 9 Jahren statt, wenn das Kind noch im Wachstum ist. In diesen Fällen kann sie dazu beitragen, schwerwiegendere Probleme im späteren Leben zu vermeiden und eine spätere Behandlung weniger aufwendig zu machen.
- Späte Wechselgebissphase: Diese Phase findet statt, wenn sowohl bleibende als auch Milchzähne vorhanden sind, meist im Alter von 9 bis 14 Jahren. Diese Phase eignet sich ideal, um Platz für die bleibenden Zähne zu schaffen und ein gesundes Kieferwachstum zu fördern.
- Bleibendes Gebiss: Diese Phase beginnt, wenn alle bleibenden Zähne durchgebrochen sind, etwa im Alter von 12 bis 16 Jahren. In dieser Phase werden Aligner oder auch festsitzende Zahnspangen verwendet, um die endgültige Position der Zähne und des Kiefers zu korrigieren.
Wir halten den ersten Besuch im Alter zwischen 6 und 9 Jahren für den praktikablen Zeitpunkt. Die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie nennt in ihrer Stellungnahme „Empfehlenswerte Zeitpunkte kieferorthopädischer Untersuchungen“ gestaffelte Termine: eine Untersuchung nach Durchbruch aller Milchzähne, dann in der ersten Wechselgebissphase (etwa 6. bis 8. Geburtstag) und in der zweiten (etwa 9. bis 12. Geburtstag). Eine frühe Untersuchung ist sinnvoll, weil sich Zahn- und Kieferfehlstellungen so rechtzeitig erkennen lassen; früh behandelt wird nur bei bestimmten Befunden. Das klingt früh – hilft aber, Zahnwechsel, Kieferwachstum und die Entwicklung des bleibenden Gebisses gut einzuschätzen. Was bei diesen Terminen tatsächlich gemacht wird, lesen Sie in unserem Beitrag Untersuchungen vor Einsatz der Zahnspange.
Diese Anzeichen sprechen für einen früheren Termin
Unabhängig vom Alter sollten Sie Ihr Kind vorstellen, wenn Ihnen eines dieser Anzeichen auffällt:
- Ein oder mehrere obere Zähne beißen hinter die unteren (Kreuzbiss), vorn oder an der Seite.
- Die unteren Schneidezähne stehen vor den oberen.
- Die oberen Schneidezähne stehen weit vor; sie brechen bei Stürzen leichter ab.
- Die Frontzähne treffen beim Zubeißen nicht aufeinander (offener Biss), oft nach langem Daumenlutschen oder Schnullergebrauch.
- Ihr Kind atmet dauerhaft durch den Mund oder schnarcht.
- Milchzähne gehen durch Karies oder Unfall früh verloren.
- Ein bleibender Zahn kommt Monate später als sein Gegenüber auf der anderen Seite, oder ein Milcheckzahn sitzt mit 11 bis 12 Jahren noch fest.

Wann ist eine frühe Behandlung von Vorteil?
Bei bestimmten Befunden kann eine frühe Behandlung Vorteile haben:
- Frühzeitige Erkennung von Problemen: Kieferorthopäden können mögliche Zahn- und Kieferfehlstellungen frühzeitig erkennen und entsprechend frühzeitig eingreifen.
- Korrekturen im Wachstum: Manche Befunde, etwa ein Kreuzbiss oder ein zu schmaler Oberkiefer, lassen sich im Wachstum mit einfacheren Geräten behandeln als später.
- Weniger Platzprobleme: Geht ein Milchzahn zu früh verloren, kann eine frühe Behandlung den Platz für den bleibenden Zahn halten und so das Risiko späterer Zahnentfernungen verringern.
- Erscheinungsbild: Bei deutlich sichtbaren Fehlstellungen, etwa weit vorstehenden Schneidezähnen, kann eine Korrektur das Erscheinungsbild verbessern und das Selbstbewusstsein des Kindes stärken.
- Schutz vor Folgeschäden: Weit vorstehende Schneidezähne brechen bei Stürzen leichter ab; ein Kreuzbiss, bei dem der Unterkiefer zur Seite ausweicht, kann das Kieferwachstum einseitig lenken.
Bei den meisten Kindern beginnt eine Behandlung, wenn überhaupt, erst im späten Wechselgebiss. Die frühe Kontrolle dient vor allem dazu, die Kinder zu erkennen, bei denen Warten Nachteile hätte.
Zwei Beispiele aus unserer Praxis
Mit 8 Jahren: Ein Mädchen kam mit einem Kreuzbiss an einem oberen Schneidezahn, einem zu schmalen Oberkiefer und zwei verdrehten Backenzähnen. Wir haben die Korrektur am Computer geplant und die Schienen im eigenen Labor gefertigt. Mit 22 durchsichtigen Schienen, jede eine Woche getragen, war der Kreuzbiss nach 22 Wochen überstellt. Den ganzen Ablauf zeigt unser Behandlungsbeispiel: Aligner-Behandlung bei einem Kind.
Mit 13 Jahren: Bei einer Jugendlichen war ein oberer Eckzahn im Kiefer stecken geblieben, der Milcheckzahn stand noch. Wird eine solche Verlagerung mit 9 bis 11 Jahren erkannt, genügt manchmal schon das Ziehen des Milcheckzahns, damit der bleibende Zahn von selbst durchbricht (Ericson & Kurol 1988). In diesem Fall waren Platzschaffen mit Alignern, eine kleine Freilegung und insgesamt drei Jahre Behandlung einschließlich einer Pause nötig. Mehr dazu im Beitrag Verlagerter Eckzahn – geht das auch ohne feste Zahnspange?
Was zahlt die Krankenkasse?
Bei gesetzlich versicherten Kindern ist die kieferorthopädische Untersuchung eine Kassenleistung. Ob die Kasse eine Behandlung übernimmt, richtet sich nach den kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG). Liegt KIG 3, 4 oder 5 vor, gilt: Die gesetzliche Krankenkasse zahlt 80 Prozent der Kosten direkt; den Eigenanteil von 20 Prozent erstattet sie nach erfolgreichem Abschluss der Behandlung zurück. Eine Frühbehandlung ist die Ausnahme, nicht die Regel. Sie kommt in Betracht bei einem Kreuzbiss, bei vorstehenden Frontzähnen mit erhöhtem Unfallrisiko, bei einem ausgeprägt offenen Biss, bei einem umgekehrten Überbiss, bei Platzverlust nach zu frühem Verlust eines Milchzahns und bei Lutschgewohnheiten oder Mundatmung, die den Kiefer formen. Ob die gesetzliche Krankenkasse zahlt, entscheidet die KIG-Einstufung bei der Erstuntersuchung. Ob gesetzlich oder privat versichert: Diagnostik, Beratung und Betreuung sind bei uns für alle Patientinnen und Patienten gleich.
Nach der Buchung des Erstberatungstermins erhalten Sie per SMS oder E-Mail einen Link zu unserer digitalen Anamnese „Nelly“, in die Sie die Angaben zu Ihrem Kind vorab eintragen.
Unsere Empfehlung für Eltern
Ab wann sollte man mit seinem Kind zum Kieferorthopäden gehen?
Die Antwort auf diese Frage variiert je nach individuellen Umständen und der Art der Zahn- oder Kieferfehlstellung. Generell empfehlen Kieferorthopäden jedoch, dass Kinder im Alter von 6 bis 9 Jahren eine erste Untersuchung erhalten sollten, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Was den Fachzahnarzt für Kieferorthopädie von anderen Titeln unterscheidet, erklärt unser Beitrag Was ist ein Kieferorthopäde?
Kommen Sie zur ersten Kontrolle, wenn Ihr Kind etwa 6 bis 9 Jahre alt ist, bei einem der oben genannten Anzeichen auch früher. Oft lautet das Ergebnis dieser ersten Untersuchung, dass noch nichts zu tun ist; dann sehen wir Ihr Kind in der Regel nach einem Jahr wieder und beobachten den Zahnwechsel.
Quellen:
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- Pisani, L., Bonaccorso, L., Fastuca, R., Spena, R., Lombardo, L., & Caprioglio, A. (2016). Systematic review for orthodontic and orthopedic treatments for anterior open bite in the mixed dentition. Progress in orthodontics, 17(1), 28. https://doi.org/10.1186/s40510-016-0142-0
- Brierley, C. A., DiBiase, A., & Sandler, P. J. (2017). Early Class II treatment. Australian dental journal, 62 Suppl 1, 4-10. https://doi.org/10.1111/adj.12478
- Hamidaddin M. A. (2023). Optimal Treatment Timing in Orthodontics: A Scoping Review. European journal of dentistry, 10.1055/s-0043-1768974. Advance online publication. https://doi.org/10.1055/s-0043-1768974
- Woon, S. C., & Thiruvenkatachari, B. (2017). Early orthodontic treatment for Class III malocclusion: A systematic review and meta-analysis. American journal of orthodontics and dentofacial orthopedics : official publication of the American Association of Orthodontists, its constituent societies, and the American Board of Orthodontics, 151(1), 28-52. https://doi.org/10.1016/j.ajodo.2016.07.017
- Shalish, M., Gal, A., Brin, I., Zini, A., & Ben-Bassat, Y. (2013). Prevalence of dental features that indicate a need for early orthodontic treatment. European journal of orthodontics, 35(4), 454-459. https://doi.org/10.1093/ejo/cjs011
- Graber L. W. Vanarsdall R. L. Vig K. W. L. & Huang G. J. (2017). Orthodontics : current principles and techniques (Sixth). Elsevier.
- American Association of Orthodontists (AAO). (2021). „When Should Your Child See an Orthodontist?“. Verfügbar unter: https://aaoinfo.org/whats-trending/when-should-your-child-see-an-orthodontist/
- Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO): Stellungnahme „Empfehlenswerte Zeitpunkte kieferorthopädischer Untersuchungen“, Stand März 2007 (DGKFO-Archiv, dgkfo-vorstand.de).
- Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) & Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK): S2k-Leitlinie Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik. AWMF-Registernr. 083-050, Version 1.1 (Juni 2025, gültig bis 01.06.2030). register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-050
- Ericson, S., & Kurol, J. (1988). Early treatment of palatally erupting maxillary canines by extraction of the primary canines. European Journal of Orthodontics, 10(4), 283–295. https://doi.org/10.1093/ejo/10.4.283
- Funke, J. (heute Steinmaier), Haubrich, J., & Schupp, W. (2020). Aligner-Orthodontie bei Kindern. Dentista, 01/2020, 16–18.
Häufig gestellte Fragen dazu, ab wann man zum Kieferorthopäden sollte
Ab welchem Alter sollte mein Kind zum Kieferorthopäden?
Für die meisten Kinder ist eine erste Vorstellung mit 6 bis 9 Jahren sinnvoll. So lässt sich früh erkennen, ob und wann eine Behandlung nötig ist. Bei auffälligen Befunden wie einem Kreuzbiss oder ausgeprägter Mundatmung kann ein früherer Termin ratsam sein.
Was ist eine Frühbehandlung und wann ist sie nötig?
Eine Frühbehandlung findet meist im Alter von etwa 4 bis 9 Jahren statt, während der Kiefer noch wächst. Sie kommt nur bei bestimmten Befunden zum Einsatz, etwa bei den oben genannten Anzeichen, und kann dann helfen, spätere aufwendigere Korrekturen zu vermeiden.
Brauche ich eine Überweisung zum Kieferorthopäden?
Nein. In Deutschland gilt die freie Arztwahl – Sie können direkt einen Termin in einer kieferorthopädischen Praxis vereinbaren. Häufig weisen Zahnärztinnen und Zahnärzte aber auf einen sinnvollen Zeitpunkt hin.
Was passiert beim ersten Termin?
Zähne, Kiefer und Biss werden untersucht, oft ergänzt durch einen 3D-Scan statt Abdruck. Auf dieser Grundlage besprechen wir, ob eine Behandlung nötig ist und wann der beste Zeitpunkt dafür wäre – ohne Druck und in Ruhe.
Ist es schlimm, wenn wir den idealen Zeitpunkt verpassen?
Meist nicht. Viele Fehlstellungen lassen sich auch später noch gut behandeln. Bei manchen wachstumsabhängigen Befunden ist ein bestimmtes Zeitfenster jedoch günstiger – deshalb lohnt sich die frühzeitige Kontrolle.
Wie oft muss mein Kind zur Kontrolle, wenn noch keine Behandlung nötig ist?
Den nächsten Termin legen wir nach dem Befund fest, in der Regel nach einem Jahr, damit wir den Zahnwechsel verfolgen und den richtigen Behandlungsbeginn nicht verpassen.
Dr. Julia Steinmaier
Fachzahnärztin für Kieferorthopädie. Inhaberin von JUST KFO in Köln, gefragte Referentin und Autorin, die regelmäßig in Fachpublikationen und Medien auftritt.
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Fachlich geprüft von Dr. med. dent. Julia Steinmaier, Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · Zuletzt geprüft am 11.06.2026
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