Bevor eine Schiene angefertigt wird, muss die entspannte Ruhelage des Unterkiefers bestimmt werden. Der Beitrag erklärt, wie sich diese Position finden und vom gewohnten Zusammenbiss unterscheiden lässt.
Bestimmung der Ruhelage und des Konstruktionsbisses gegenüber dem habituellen Biss.
Teil 2 der Artikelserie: die entspannte (zentrische) Position der Kiefergelenke und der therapeutische Konstruktionsbiss im Vergleich zum Zentrikbiss
Dieser Beitrag gehört zu einer dreiteiligen Artikelserie im Journal of Aligner Orthodontics. Teil 1: Wie Kiefergelenk, Muskeln und Haltung untersucht werden · Teil 2: Wie die entspannte Kieferlage bestimmt wird (diese Seite) · Teil 3: Wie es nach der Schiene weitergeht
Die richtige Kieferposition – warum sie so wichtig ist
Bei den meisten Gelenken des Körpers bestimmen die Muskeln, wo das Gelenk steht. Beim Kiefergelenk ist das anders: Sobald die Zähne fest aufeinanderbeißen, geben sie – über den Zusammenbiss – die endgültige Position des Gelenks vor.1 Passt dieser gewohnte Zusammenbiss nicht zur entspannten, gesunden Gelenklage, kann das auf Dauer Beschwerden auslösen. Für jede Behandlung von Kiefergelenkproblemen muss deshalb zuerst eine gesunde, entspannte Kieferposition gefunden werden. Genau darum geht es in dieser Fachpublikation.
Diese entspannte Lage – in der Fachsprache „zentrische“ oder physiologische Kieferposition – ist keine feste Größe, sondern individuell verschieden und kann sich je nach Muskelspannung, Haltung und Tagesform leicht verändern.2 Es gibt kein einziges „wahres“ Messverfahren dafür; das Ziel ist vielmehr, eine Position zu finden, die zum gesamten Kiefer- und Bewegungsapparat passt. Voraus geht dieser Bestimmung immer eine gründliche3 Funktionsdiagnostik.
Zentrikbiss und therapeutischer Konstruktionsbiss
Um die Kieferposition festzuhalten, wird ein Bissregistrat genommen – vereinfacht gesagt ein präziser Abdruck der Bisslage in einer Wachsplatte. Man unterscheidet zwei Situationen:
Der Zentrikbiss bei gesunden Gelenken
Bei beschwerdefreien Gelenken genügt ein vergleichsweise einfacher Zentrikbiss. Dafür wird eine 3 Millimeter starke Wachsplatte im Wasserbad auf 52 °C erwärmt, trapezförmig zugeschnitten und an die oberen Zähne angepasst. Die Patientin oder der Patient beißt in aufrechter, entspannter Haltung hinein – ganz ohne dass die Behandlerin oder der Behandler den Unterkiefer führt. Danach wird das Wachs in Eiswasser gehärtet. Anschließend werden die Kontaktpunkte sorgfältig kontrolliert und reduziert, bis eine stabile, reproduzierbare Bisslage entsteht.
Der therapeutische Konstruktionsbiss bei gestörten Gelenken
Bei Beschwerden oder erkrankten Gelenken reicht das nicht. Hier wird ein therapeutischer Konstruktionsbiss genommen – unter gleichzeitigem Abtasten der Gelenke über den Gehörgang. So lassen sich Beweglichkeit, Symmetrie und der empfindliche Bereich hinter dem Gelenkköpfchen genau beurteilen, während die richtige Position eingestellt wird. Vor der Bissnahme werden die Gelenke sanft mobilisiert und Muskelverspannungen gelöst; ideal ist eine begleitende manuelle Therapie.4, 7 Verwendet wird ein besonders hartes Wachs, das im Mund formstabil bleibt und so die manuelle Kontrolle erlaubt.
Aus dem gewohnten Biss schieben Sie den Unterkiefer etwa 2 Millimeter nach vorn, mit leichtem Zahnkontakt. Dann übernimmt die Behandlerin oder der Behandler die Führung und tastet dabei mit den Fingerspitzen die Gelenkköpfchen über den Gehörgang, bis die Gelenke frei und ohne Druck stehen. Sie als Patientin oder Patient spüren davon vor allem das Tasten am Ohr und das Hineinbeißen ins Wachs.
Kontrolle am ganzen Körper
Ob die gefundene Position wirklich stimmt, zeigt sich nicht nur am Kiefer. Mit eingesetztem Konstruktionsbiss wird die Patientin oder der Patient gebeten, einmal zu schlucken und einige Schritte zu gehen – so kann sich der Körper neu organisieren. Anschließend werden Haltungs- und Beweglichkeitstests wiederholt.5 Wiederholt werden dieselben Tests wie bei der Erstuntersuchung: Drehung von Hals- und Brustwirbelsäule, Beinlängenvergleich und Hüfttests. Welche Tests das sind, beschreibt Teil 1 der Serie. Bessern sich diese Befunde mit dem neuen Biss deutlich, ist das ein starkes Zeichen, dass die Kieferposition tatsächlich zu Körper und Muskulatur passt. Dieser Abgleich macht die Bestimmung objektiver und sicherer.
Vom Bissregistrat zur Schiene
Die gefundene Position wird mit einem Gesichtsbogen und dem Konstruktionsbiss auf einen Artikulator übertragen – ein Gerät, das die Kieferbewegungen außerhalb des Mundes naturgetreu nachbildet.6 Erst diese exakte Modellmontage erlaubt eine verlässliche Analyse des Zusammenbisses und die Anfertigung einer passgenauen Okklusionsschiene. Ohne diese sorgfältige Übertragung wäre die Position ungenau und für Diagnose wie Schienenherstellung unbrauchbar.
Im Artikulator wird der Zusammenbiss mit einer nur 12 Mikrometer dünnen Farbfolie geprüft. So werden auch Kontakte sichtbar, die im Mund niemand erkennen könnte.
Ein Fall, den wir in unserer Praxis behandelt und in der Publikation beschrieben haben, zeigt, warum das wichtig ist. Eine Patientin kam wegen starker Rückenschmerzen. Im Mund sah ihr Biss stabil aus, die Zähne standen gerade. Erst die im Artikulator in entspannter Kieferlage montierten Modelle zeigten: In dieser Lage berührten sich nur die Schneidezähne, an Eck- und Backenzähnen blieb eine Lücke. Beim gewohnten Zubeißen musste der Unterkiefer also nach hinten oben ausweichen. DVT- und MRT-Aufnahmen bestätigten die zurückverlagerten Gelenkköpfchen und eine nach vorn verlagerte Gelenkscheibe.
Nach Einschätzung der Autoren wäre eine Behandlung, die nur die Zähne betrachtet, hier an der Ursache vorbeigegangen. Sie fassen das mit einem Leitsatz zusammen, den sie in der Publikation dem amerikanischen Zahnarzt Harold Gelb (1994) zuschreiben: „Think orthopaedic first – then teeth“, also erst Gelenk und Funktion, dann die Zähne.
Behandelt wurde die Patientin mit einer Schiene im Unterkiefer, die sie außer zum Essen und Zähneputzen trug, parallel dazu mit Physiotherapie. In diesem Fall berichtete sie nach fünf Wochen, keine Rücken- und Kiefergelenkschmerzen mehr zu haben. Wie schnell und wie stark sich Beschwerden bessern, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wie es nach einer solchen Schienenphase weitergeht, beschreibt Teil 3 der Serie.
Auch für Kinder geeignet
Das beschriebene Vorgehen lässt sich ebenso bei Kindern und Jugendlichen anwenden, etwa wenn für eine herausnehmbare funktionskieferorthopädische Apparatur ein Konstruktionsbiss benötigt wird. Auch hier liefert das gleichzeitige Abtasten der Gelenke wertvolle Zusatzinformationen.
Diagnose und Therapie gehören zusammen
Die entspannte, gesunde Kieferposition ist das Fundament jeder Behandlung von Kiefergelenkbeschwerden. Sie lässt sich nicht einfach „ablesen“, sondern muss sorgfältig erarbeitet und am ganzen Körper überprüft werden. Ein sorgfältig genommener Konstruktionsbiss, kombiniert mit Tastbefund und Modellmontage im Artikulator, ist die Grundlage für eine passgenaue Schiene und für alle weiteren Behandlungsschritte.
Tut die Bissnahme weh?
Das Abtasten der Gelenke kann bei entzündeten oder gereizten Gelenken unangenehm sein; das ist zugleich ein Befund, den wir notieren. Das Einbeißen in das Wachs selbst ist nicht schmerzhaft. Wenn etwas zu stark drückt, sagen Sie es bitte sofort.
Warum ein Wachsbiss, wenn die Praxis einen Intraoralscanner hat?
Der Scanner erfasst die Zähne, nicht aber die Stellung, in der die Kiefergelenke entspannt sind. Diese Stellung wird mit der Hand ertastet und im Wachs festgehalten. Bei Schienen, die wir digital fertigen, wird dieser Wachsbiss anschließend ebenfalls gescannt und so in die Planung am Computer übernommen. Für die Aligner-Planung kommt die digitale Aufzeichnung der Kieferbewegung hinzu; wie das funktioniert, beschreibt unser Beitrag zum virtuellen Artikulator.
Wer trägt die Kosten?
Die klinische und die instrumentelle Funktionsanalyse sowie die Kiefergelenkvermessung mit dem DMD-System sind keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung; sie werden nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) privat berechnet. Ob gesetzlich oder privat versichert: Diagnostik, Beratung und Betreuung sind bei uns für alle Patientinnen und Patienten gleich. Mehr unter Kosten & Kasse.
Besprochene Publikation: Schupp, W., Funke, J., & Boisserée, W. (2018). Continuing diagnostics and therapy of the temporomandibular and musculoskeletal system (TMS/MSS): The rest position of the temporomandibular joint (TMJ) and the therapeutic construction bite vs. the centric bite. Journal of Aligner Orthodontics, 2(4), 267–281. (J. Funke = Dr. Julia Steinmaier)
+Literatur
- Kubein-Meesenburg, D. (1985). Die kraniale Grenzfunktion des stomatognathen Systems des Menschen. München: Hanser.
- Türp, J. C., Schindler, H. J., Rödiger, O., Smeekens, S., & Marinello, C. P. (2006). Vertikale und horizontale Kieferrelation in der rekonstruktiven Zahnmedizin. Schweizer Monatsschrift für Zahnmedizin, 116(4), 403–417.
- Meyer, G. (2018). Short clinical screening procedure for initial diagnosis of temporomandibular disorders. Journal of Aligner Orthodontics, 2(2), 91–98.
- Schupp, W., & Marx, G. (2002). Manuelle Behandlung der Kiefergelenke zur Therapie der kraniomandibulären Dysfunktionen. Manuelle Medizin, 40(3), 177–183. doi:10.1007/s00337-002-0133-8
- Schupp, W., Boisserée, W., Haubrich, J., Hermens, E., Grunert, I., Rottler, A., & Meyer, U. (2015). Diagnostische Verfahren im kraniomandibulären System. Manuelle Medizin, 53(1), 47–59. doi:10.1007/s00337-014-1174-5
- Meyer, G. (Hrsg.). (1993). Die physiologische Zentrik im Rahmen der instrumentellen Okklusionsdiagnostik. Funktionslehre. Hanser.
- Arribas-Pascual, M., Hernández-Hernández, S., Jiménez-Arranz, C., Grande-Alonso, M., Angulo-Díaz-Parreño, S., La Touche, R., & Paris-Alemany, A. (2023). Effects of Physiotherapy on Pain and Mouth Opening in Temporomandibular Disorders: An Umbrella and Mapping Systematic Review with Meta-Meta-Analysis. Journal of Clinical Medicine, 12(3), 788. doi:10.3390/jcm12030788
Ihr Kieferorthopäde Köln!
Vereinbaren Sie Ihre unverbindliche Beratung bei JUST KFO – Dr. Steinmaier & Kollegen in Köln.
Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke), Dr. Wolfgang Boisserée
Quelle: Journal of Aligner Orthodontics 2018; 2(4): 267–281.
Der Fachbeitrag gibt den wissenschaftlichen Stand zum Erscheinungszeitpunkt (2018) wieder.
Dr. Julia Steinmaier · Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · ORCID 0000-0002-2054-8992 · Google Scholar