Fachpublikation

Digitale Okklusionsschienen für CMD

Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Haubrich,Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke)

Die Okklusionsschiene: der erste Schritt bei Kiefergelenkbeschwerden

Wenn Zähne reguliert werden, steht oft die sichtbare Stellung im Vordergrund. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass die Zähne am Ende richtig aufeinandertreffen und die Kiefergelenke harmonisch arbeiten. Genau hier setzt die Okklusionsschiene an. Sie ist bei Beschwerden im Kiefergelenk (einer kraniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD) häufig der erste, schonende Behandlungsschritt – noch vor der eigentlichen Zahnkorrektur. Die zugrunde liegende Fachpublikation beschreibt dieses Vorgehen und die moderne, digitale Herstellung der Schiene. Im Folgenden erklären wir die wichtigsten Punkte verständlich.

Was ist eine Okklusionsschiene?

Eine Okklusionsschiene ist eine herausnehmbare Schiene aus festem Kunststoff, die meist im Unterkiefer getragen wird. Sie verändert kontrolliert, wie Ober- und Unterkiefer zueinander stehen. In der Fachsprache wird sie auch als kraniomandibuläre orthopädische Positionierungsapparatur (COPA) bezeichnet, weil sie den Unterkiefer und die Kiefergelenkköpfchen (Kondylen) in eine entlastende Position führt. Ihre Hauptaufgaben sind die Behandlung einer CMD sowie der Schutz von Zahnschmelz und Zahnhalteapparat.

Warum zuerst die Schiene – und erst dann die Zahnkorrektur?

Jede kieferorthopädische Behandlung sollte idealerweise aus einer gesunden, physiologischen Position der Kiefergelenke heraus geplant werden – fachlich „zentrische Relation“ (CR) genannt – und nicht aus der zufälligen Bisslage, in der die Zähne gerade zusammenpassen (der „habituellen Interkuspidation“, CO). Liegt eine Funktionsstörung vor, klafft zwischen diesen beiden Positionen oft eine Lücke. Die Okklusionsschiene ist eine reversible, also vollständig rückgängig zu machende Maßnahme, mit der sich diese gesunde Gelenkposition zunächst herstellen und überprüfen lässt. Erst wenn klar ist, aus welcher Position heraus behandelt werden soll, beginnt die eigentliche Zahnregulierung.

Wie wird die richtige Position gefunden?

Am Anfang steht eine sorgfältige Funktionsdiagnostik. Sie beginnt mit einem standardisierten Kurztest (dem „Short Screening Test“) und einer Untersuchung des Zusammenspiels von Kiefer, Muskulatur und Körperhaltung. Ergeben sich auffällige Befunde, folgen weiterführende Untersuchungen, gegebenenfalls auch bildgebende Verfahren. Auf dieser Grundlage wird die individuelle, entlastende Kieferposition bestimmt, in der die Schiene anschließend gefertigt wird.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Wirksamkeit von Schienen bei CMD ist gut untersucht. Eine umfangreiche Übersichtsarbeit (Meta-Analyse) konnte zeigen, dass stabilisierende Schienen die Schmerzen sowohl bei gelenkbedingten als auch bei muskelbedingten Beschwerden spürbar verringern können – teils zusätzlich unterstützt durch begleitende Maßnahmen. Die Schienentherapie ist damit ein etablierter, evidenzbasierter Baustein der CMD-Behandlung.

Herstellung im digitalen Workflow

Moderne Okklusionsschienen entstehen heute zunehmend digital. Zunächst werden Ober- und Unterkiefer mit einem Intraoralscanner berührungslos in 3D erfasst, anschließend wird die entlastende Kieferrelation registriert. Am Computer plant der Behandler die Schiene millimetergenau – wichtig sind dabei eine gute, aber nicht zu starke Friktion (Halt) und eine ausreichende Materialstärke, damit die Schiene stabil bleibt. Gefertigt wird sie im 3D-Druck aus biokompatiblem Kunststoff. Der Vorteil: sehr hohe Passgenauigkeit, und es lässt sich problemlos eine Ersatzschiene mitdrucken.

Und nach der Schiene?

Sind die Kiefergelenke entlastet und die gesunde Position bekannt, kann die eigentliche Zahnkorrektur beginnen – heute meist mit nahezu unsichtbaren durchsichtigen Schienen (Alignern). Wie sich diese funktionsorientierte Planung mit einem virtuellen Artikulator anschließend umsetzen lässt, lesen Sie ausführlich in unserem Beitrag zum virtuellen Artikulator in der Aligner-Kieferorthopädie. Mehr zur Behandlung von Kiefergelenkbeschwerden erfahren Sie außerdem auf unserer Seite zur CMD-Behandlung. Was nach einer erfolgreichen Schienentherapie folgt – also wie die gefundene Kieferposition dauerhaft stabilisiert wird –, lesen Sie in unserer Fachpublikation zur Nachbehandlung nach initialer Schienentherapie.

Quelle: Schupp W, Haubrich J, Funke J. Behandlung mit Okklusionsschienen und deren Herstellung im digitalen Workflow. Inf Orthod Kieferorthop 2020; 52: 227–231.