Aufbissschienen bei CMD lassen sich heute digital planen und herstellen. Der Beitrag beschreibt den Weg von der Abformung bis zur fertigen Schiene.
Digitaler Workflow zur Herstellung okklusaler Schienen unter Berücksichtigung orthopädischer Prinzipien.
Die Okklusionsschiene: der erste Schritt bei Kiefergelenkbeschwerden
Wenn Zähne reguliert werden, steht oft die sichtbare Stellung im Vordergrund. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass die Zähne am Ende richtig aufeinandertreffen und die Kiefergelenke harmonisch arbeiten. Genau hier setzt die Okklusionsschiene an. Sie ist bei Beschwerden im Kiefergelenk (einer kraniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD) häufig der erste, schonende Behandlungsschritt – noch vor der eigentlichen Zahnkorrektur.1 Die zugrunde liegende Fachpublikation beschreibt dieses Vorgehen und die moderne, digitale Herstellung der Schiene. Im Folgenden erklären wir die wichtigsten Punkte verständlich.
Was ist eine Okklusionsschiene?
Eine Okklusionsschiene ist eine herausnehmbare Schiene aus festem Kunststoff, die meist im Unterkiefer getragen wird. Sie verändert kontrolliert, wie Ober- und Unterkiefer zueinander stehen. In der Fachsprache wird sie auch als kraniomandibuläre orthopädische Positionierungsapparatur (COPA)2 bezeichnet, weil sie den Unterkiefer und die Kiefergelenkköpfchen (Kondylen) in eine entlastende Position führt. Ihre Hauptaufgaben sind die Behandlung einer CMD sowie der Schutz von Zahnschmelz und Zahnhalteapparat.
Warum zuerst die Schiene – und erst dann die Zahnkorrektur?
Jede kieferorthopädische Behandlung sollte idealerweise aus einer gesunden, physiologischen Position der Kiefergelenke heraus geplant werden – fachlich „zentrische Relation“ (CR) genannt – und nicht aus der zufälligen Bisslage, in der die Zähne gerade zusammenpassen (der „habituellen Interkuspidation“, CO).3 Liegt eine Funktionsstörung vor, klafft zwischen diesen beiden Positionen oft eine Lücke. Die Okklusionsschiene ist eine reversible, also vollständig rückgängig zu machende Maßnahme, mit der sich diese gesunde Gelenkposition zunächst herstellen und überprüfen lässt. Erst wenn klar ist, aus welcher Position heraus behandelt werden soll, beginnt die eigentliche Zahnregulierung.
Wie wird die richtige Position gefunden?
Am Anfang steht eine sorgfältige Funktionsdiagnostik. Sie beginnt mit einem standardisierten Kurztest (dem „Short Screening Test“)4 und einer Untersuchung des Zusammenspiels von Kiefer, Muskulatur und Körperhaltung.5 Der Kurztest umfasst sechs Punkte: ob sich der Mund asymmetrisch oder nur eingeschränkt öffnet, ob einzelne Zähne bei Seitwärtsbewegungen stark belastet werden, ob die Kiefergelenke knacken oder schmerzen, ob die Kaumuskeln auf Druck empfindlich sind und ob sich der Biss verändert, wenn man für einen Moment auf zwei Watterollen beißt. Dieser Watterollentest zeigt, ob die gewohnte Bisslage von der entspannten Gelenkposition abweicht. Sind zwei oder mehr Punkte auffällig, folgt eine ausführliche Funktionsdiagnostik, in unserer Praxis einschließlich der Untersuchung von Wirbelsäule und Beinlänge (Priener Testbatterie). Ergeben sich auffällige Befunde, folgen weiterführende Untersuchungen, gegebenenfalls auch bildgebende Verfahren. Auf dieser Grundlage wird die individuelle, entlastende Kieferposition bestimmt, in der die Schiene anschließend gefertigt wird.
Was sagt die Wissenschaft?
Schienen bei CMD sind vielfach untersucht. Eine umfangreiche Übersichtsarbeit (Meta-Analyse) konnte zeigen, dass stabilisierende Schienen die Schmerzen sowohl bei gelenkbedingten als auch bei muskelbedingten Beschwerden spürbar verringern können6 – teils zusätzlich unterstützt durch begleitende Maßnahmen. Die Schiene ist damit ein anerkannter Baustein der CMD-Behandlung. Wie stark und wie schnell Beschwerden zurückgehen, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Herstellung im digitalen Workflow
Okklusionsschienen entstehen heute zunehmend digital. Zunächst werden Ober- und Unterkiefer mit einem Intraoralscanner berührungslos in 3D erfasst. Dann wird die entlastende Kieferposition von Hand bestimmt und mit einem Konstruktionsbiss aus 3 mm starkem Hartwachs festgehalten; auch dieser Biss wird gescannt. Am Computer plant der Behandler die Schiene: Sie soll gut, aber nicht zu fest sitzen und an ihrer dünnsten Stelle mindestens 1,5 mm stark sein, damit sie nicht bricht. Gefertigt wird sie im 3D-Druck aus biokompatiblem Kunststoff.7 In einer randomisierten Studie linderten 3D-gedruckte Schienen die Beschwerden ebenso gut wie konventionell gefertigte (Qin et al. 2025).8 Die Publikation empfiehlt, zwei Schienen zu drucken, damit bei Verlust, Beschädigung oder Bruch sofort Ersatz da ist. Heute fertigen wir die Schienen in unserem Praxislabor; weil die Schiene digital geplant und gedruckt wird, lässt sich eine Ersatzschiene problemlos mitdrucken.
Wie läuft die Schienenphase für Sie ab?
Nach Untersuchung und Scan fertigen wir die Schiene im eigenen Meisterlabor im selben Haus – zwischen der Aufnahme im Behandlungszimmer und der fertigen Schiene liegen keine Postwege, sondern ein Flur. Getragen wird sie meist nachts; ob sie anfangs auch tagsüber nötig ist, legen wir nach dem Befund fest. Nach etwa sechs Wochen prüfen wir gemeinsam, ob die Beschwerden nachlassen und ob die Kieferposition stabil bleibt; die Schiene wird dabei bei Bedarf angepasst. Die Schienentherapie ist meist auf drei bis sechs Monate angelegt. Wie lange sie in Ihrem Fall dauert, hängt vom Befund ab. Erst wenn die entlastende Position feststeht, planen wir den nächsten Schritt.
Die klinische und instrumentelle Funktionsanalyse ist eine Privatleistung. Eine Aufbissschiene auf Basis einer digitalen Kiefergelenkvermessung (DMD) ist ebenfalls privat und liegt bei uns bei etwa 1.500 bis 3.000 Euro. Den genauen Umfang halten wir vorab in einem Kostenplan fest; Einzelheiten stehen unter CMD-Behandlung.
Und nach der Schiene?
Sind die Kiefergelenke entlastet und die gesunde Position bekannt, kann die eigentliche Zahnkorrektur beginnen, häufig mit durchsichtigen Schienen (Alignern).
Weiterlesen:
- Nach der Schiene: Nachbehandlung nach initialer Schienentherapie (Fachpublikation)
- Planung der Zahnkorrektur: Der virtuelle Artikulator in der Aligner-Kieferorthopädie (Fachpublikation)
- Behandlungsbeispiel: CMD-Schmerzen mit digital gefertigter Schiene
- CMD-Behandlung in unserer Praxis · Aligner
Literatur:
Zugrunde liegende Fachpublikation: Schupp, W., Haubrich, J., & Funke, J. (2020). Behandlung mit Okklusionsschienen und deren Herstellung im digitalen Workflow. Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie, 52(3), 227–231. https://doi.org/10.1055/a-1200-5934
- Okeson, J. P. (2015). Evolution of occlusion and temporomandibular disorder in orthodontics: Past, present, and future. American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics, 147(5), S216–S223. https://doi.org/10.1016/j.ajodo.2015.02.007
- Boisserée, W., & Schupp, W. (Hrsg.). (2012). Kraniomandibuläres und muskuloskelettales System. Quintessenz.
- Schupp, W., & Funke, J. (2018). Continuing diagnostics and therapy of the temporomandibular and musculoskeletal system: The rest position of the temporomandibular joint (TMJ) and the therapeutic construction bite vs. the centric bite. Journal of Aligner Orthodontics, 2, 267–281.
- Meyer, G. (2018). Short clinical screening procedure for initial diagnosis of temporomandibular disorders. Journal of Aligner Orthodontics, 2, 91–98.
- Schupp, W., Funke, J., Boisserée, W., et al. (2018). Continuing diagnostics of the temporomandibular and musculoskeletal system (TMS/MSS). Journal of Aligner Orthodontics, 2, 199–213.
- Al-Moraissi, E. A., Farea, R., Qasem, K. A., Al-Wadeai, M. S., Al-Sabahi, M. E., & Al-Iryani, G. M. (2020). Effectiveness of occlusal splint therapy in the management of temporomandibular disorders: Network meta-analysis of randomized controlled trials. International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, 49(8), 1042–1056. https://doi.org/10.1016/j.ijom.2020.01.004
- Lin, R., Yu, C. H., & Sun, J. (2019). Mechanical properties and cytotoxicity of three-dimensional printing polycarbonate for occlusal splints. Shanghai Kou Qiang Yi Xue, 28, 467–471.
- Qin, H., Liu, Y., Miao, H., et al. (2025). Comparative efficacy of digital 3D-printed and conventional stable occlusal splints in the treatment of temporomandibular disorders. Journal of Oral Rehabilitation, 52(10), 1699–1706. https://doi.org/10.1111/joor.14032
Ihr Kieferorthopäde Köln!
Vereinbaren Sie Ihre unverbindliche Beratung bei JUST KFO – Dr. Steinmaier & Kollegen in Köln.
Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Haubrich, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke)
Quelle: Inf Orthod Kieferorthop 2020; 52: 227–231. Zweitabdruck: ZWR – Das Deutsche Zahnärzteblatt 2021; 130(11): 554–559. DOI 10.1055/a-1676-1320 · DOI 10.1055/a-1200-5934
Der Fachbeitrag gibt den wissenschaftlichen Stand zum Erscheinungszeitpunkt (2020) wieder.
Dr. Julia Steinmaier · Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · ORCID 0000-0002-2054-8992 · Google Scholar