Fachpublikation

CMD-Diagnostik: Wie wir Kiefergelenk, Kaumuskeln und Haltung untersuchen

Auf einen Blick
Für Patient:innen

Kiefer, Kaumuskulatur und Körperhaltung hängen zusammen. Der Beitrag beschreibt, wie wir Kiefergelenke und Kaumuskulatur systematisch untersuchen, bevor eine Behandlung geplant wird – damit die Ursache von Beschwerden nicht übersehen wird.

Für Fachkolleg:innen

Strukturierte Funktionsdiagnostik des temporomandibulären und muskuloskelettalen Systems als Grundlage der Behandlungsplanung.

Passende Behandlung in unserer Praxis: CMD-Schmerztherapie
24.04.2026

Teil 1 der Artikelserie: Kurzscreening und fortlaufende Funktionsdiagnostik vor jeder kieferorthopädischen Behandlung

Dieser Beitrag gehört zu einer dreiteiligen Artikelserie im Journal of Aligner Orthodontics. Teil 1: Wie Kiefergelenk, Muskeln und Haltung untersucht werden (diese Seite) · Teil 2: Wie die entspannte Kieferlage bestimmt wird · Teil 3: Wie es nach der Schiene weitergeht

Warum eine gründliche Diagnostik über die Zähne hinausgeht

Bevor eine kieferorthopädische Behandlung beginnt, muss eine Frage geklärt sein: Stehen die Kiefergelenke in einer entspannten, gesunden Position – oder zwingt der Zusammenbiss den Unterkiefer in eine ungünstige Lage? Wird eine unerkannte Funktionsstörung des Kiefergelenks (Fachbegriff: craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD) übersehen, kann das den Erfolg der gesamten Behandlung gefährden. Diese Fachpublikation beschreibt, wie eine solche Funktionsstörung systematisch erkannt wird – und warum dabei nicht nur die Zähne, sondern der ganze Körper eine Rolle spielt.

Der Grund: Das Kiefergelenk ist über Muskel- und Faszienketten eng mit der Hals- und Rückenmuskulatur und der Körperhaltung verbunden. Eine Störung im Kiefer kann sich bis in Nacken, Schultern und Rücken fortsetzen – und umgekehrt.1 Schmerzen treten dabei häufig nicht dort auf, wo die Ursache liegt. Deshalb betrachtet eine moderne Funktionsdiagnostik das craniomandibuläre System (Kiefergelenk und Kaumuskulatur) gemeinsam mit dem muskuloskelettalen System (Haltungs- und Bewegungsapparat).

Der erste Schritt: das Kurzscreening

Am Anfang steht ein kurzer Screening-Test2, der bei jeder Patientin und jedem Patienten vor einer Behandlung sinnvoll ist – bei Erwachsenen ebenso wie in der Kieferorthopädie für Kinder und Jugendliche. Geprüft werden sechs Punkte:

  • asymmetrische Mundöffnung,
  • eingeschränkte Mundöffnung,
  • auffälliger („traumatischer“) Zusammenbiss,
  • Gelenkgeräusche oder Gelenkschmerz,
  • Schmerz beim Abtasten der Kaumuskulatur,
  • ein Unterschied zwischen dem gewohnten Zusammenbiss und der entspannten Kieferlage (sogenannter Watterollen-Test).

Sind zwei oder mehr dieser Punkte auffällig, folgt unmittelbar die ausführliche Funktionsdiagnostik.

Jeder Punkt des Kurzscreenings wird mit Ja oder Nein beantwortet. Den Befundbogen dafür haben die Autoren gemeinsam mit manuell arbeitenden Ärzten entwickelt; die Ergebnisse werden direkt in den ausführlichen Bogen übernommen. Im Beispiel aus der Publikation, einem Fall aus unserer Praxis, waren vier von sechs Punkten auffällig – damit war die ausführliche Untersuchung angezeigt. Einen ersten Eindruck können Sie sich vorab mit unserem CMD-Selbsttest verschaffen; er ersetzt die Untersuchung nicht.

Kurzscreening-Bogen mit sechs Ja/Nein-Fragen; bei asymmetrischer Mundöffnung, Gelenkgeräusch oder -schmerz, Muskelschmerz beim Abtasten und Watterollen-Test ist Ja markiert
Kurzscreening an einem Beispiel: Rot markiert sind die auffälligen Punkte (asymmetrische Mundöffnung, Gelenkgeräusche/-schmerz, Schmerz beim Abtasten der Muskeln, Unterschied im Watterollen-Test). Ab zwei auffälligen Punkten folgt die ausführliche Funktionsdiagnostik.Quelle: Fachpublikation (J Aligner Orthod 2018, Abb. 2)

Die ausführliche Untersuchung des Kiefergelenks und der Kaumuskulatur

In der vertiefenden Diagnostik werden mehrere Bereiche systematisch erfasst und auf einem standardisierten Befundbogen dokumentiert:

Beweglichkeit des Unterkiefers

Gemessen werden die maximale Mundöffnung (der Abstand zwischen den Schneidekanten), die seitlichen Bewegungen und das Vorschieben des Unterkiefers. Wichtig ist auch das Bewegungsmuster beim Öffnen: Weicht der Unterkiefer zur Seite ab und kehrt zurück (Deviation) oder bleibt er ausgelenkt (Deflektion)? Solche Muster geben Hinweise auf die Lage des Gelenkknorpels (Diskus).3

Abtasten der Kiefergelenke

Die Gelenke werden sowohl von außen (vor dem Ohr) als auch über den Gehörgang vorsichtig abgetastet. So lassen sich Gelenkgeräusche wie Knacken oder Reiben, Druckschmerz, Schwellungen und die Beweglichkeit der Gelenkköpfchen seitenvergleichend beurteilen. Gerade die Tastuntersuchung über den Gehörgang erlaubt sehr genaue Aussagen über den empfindlichen Bereich hinter dem Gelenkköpfchen.

Untersuchung der Muskulatur

Kau-, Schläfen-, Nacken- und Schultermuskulatur werden gezielt abgetastet. Besonderes Augenmerk gilt sogenannten Triggerpunkten – kleinen, verspannten Muskelarealen, die Schmerzen in andere Regionen ausstrahlen können.4 Sie werden zuerst behandelt, da sie das Beschwerdebild oft maßgeblich prägen.

Zusammenbiss in verschiedenen Positionen

Verglichen werden die Zahnkontakte im gewohnten Zusammenbiss mit jenen in einer entspannteren, physiologischen Kieferlage – ermittelt mit dem einfachen Watterollen-Test. Zeigt sich hier ein deutlicher Unterschied, ist das ein wichtiger Hinweis: Jede Behandlung sollte sich an der entspannten Gelenklage orientieren, nicht am erzwungenen Gewohnheitsbiss.

Der Blick auf den ganzen Körper

Anschließend wird der Haltungs- und Bewegungsapparat einbezogen. Untersucht werden unter anderem die Drehung von Hals- und Brustwirbelsäule, Unterschiede in der Beinlänge sowie spezielle manuelle Tests (z. B. der Prien-Abduktionstest der Hüfte)5. Auch die Gesichtssymmetrie wird beurteilt, denn eine fehlende Abstützung im Seitenzahnbereich auf einer Seite kann sich in einer leichten Gesichtsasymmetrie widerspiegeln.6

Danach folgt der Watterollen-Test: Zwischen die ersten kleinen Backenzähne kommen für etwa zwei bis drei Minuten Watterollen, sodass die Zähne nicht mehr in den gewohnten Biss greifen. Anschließend schlucken Sie einmal und gehen ein paar Schritte; dann werden dieselben Körpertests wiederholt. Bessern sich die Befunde? Wenn ja, spricht das dafür, dass der Zusammenbiss tatsächlich an den Beschwerden in Nacken, Rücken oder Hüfte beteiligt ist – eine sogenannte „absteigende“ Kette. Bessert sich nichts, liegt die Ursache eher woanders, und eine ärztliche oder orthopädische Abklärung ist ratsam.

Ablaufschema der Funktionsdiagnostik: Anamnese, Untersuchung von Kiefergelenk und Muskeln, Körpertests, Watterollen-Test, Wiederholung der Körpertests; bei Besserung Schienentherapie, sonst ärztliche Abklärung
Ablauf der Diagnostik. Nach Vorgeschichte und Untersuchung von Kiefergelenk und Kaumuskeln werden Halswirbelsäule, Rumpfdrehung, Beinlänge und Hüfte geprüft, dann nach dem Watterollen-Test erneut. Bessern sich die Befunde, ist eine Beteiligung des Bisses wahrscheinlich: Es folgt eine Schiene, danach kieferorthopädische oder zahnärztliche Behandlung. Bessern sie sich nicht, ist eine weitere ärztliche oder orthopädische Abklärung ratsam.Quelle: Fachpublikation (J Aligner Orthod 2018, Schema „The process in detail“, S. 212)

Von der Diagnose zur Behandlung

Erst wenn dieses vollständige Bild vorliegt, lässt sich sinnvoll entscheiden, wie es weitergeht. Ergeben Vorgeschichte und Untersuchung Hinweise auf eine behandelbare Funktionsstörung, wird zunächst die genaue, entspannte Kieferposition bestimmt – wie das gelingt, beschreiben wir im Beitrag zur Bestimmung der therapeutischen Kieferposition. Häufig folgt darauf eine Vorbehandlung mit einer Okklusionsschiene, die sich jederzeit wieder abnehmen lässt. Wenn DVT oder MRT nötig sind, um einen Befund am Gelenk genauer zu klären, besprechen wir das vorher mit Ihnen. Nach erfolgreicher Nachbehandlung kann die Kieferposition dauerhaft stabilisiert werden.

Wichtig ist die Reihenfolge: erst verstehen, dann behandeln. Eine kieferorthopädische Korrektur, die ohne diese Diagnostik begonnen wird, läuft Gefahr, eine ungünstige Kieferlage festzuschreiben, statt sie zu lösen.

Was Sie im Untersuchungstermin erwartet

Nach Buchung des Termins erhalten Sie per SMS oder E-Mail den Link zu unserer digitalen Anamnese „Nelly“; dort geben Sie Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamente schon zu Hause an. In der Praxis messen wir die Mundöffnung, tasten Kiefergelenke und Muskeln ab und prüfen im Liegen und Sitzen Halswirbelsäule, Beinlänge und Hüfte. Die klinische und die instrumentelle Funktionsanalyse sowie die Kiefergelenkvermessung mit dem DMD-System sind keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung; sie werden nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) privat berechnet. Was in Ihrem Fall anfällt, hängt vom Umfang der Untersuchung ab – Sie erhalten den Betrag vor der Untersuchung schriftlich.

Ob gesetzlich oder privat versichert: Diagnostik, Beratung und Betreuung sind bei uns für alle Patientinnen und Patienten gleich.

Was die Systemdiagnostik für die Behandlung bedeutet

Eine sorgfältige Funktionsdiagnostik ist die Grundlage jeder erfolgreichen Behandlung von Kiefergelenkbeschwerden. Sie verbindet die genaue Untersuchung von Kiefergelenk und Kaumuskulatur mit dem Blick auf Haltung und Bewegungsapparat – und macht damit sichtbar, was eine reine Betrachtung der Zähne übersehen würde. Auf dieser Grundlage planen wir die weitere Behandlung und sagen Ihnen auch, wenn die Ursache eher außerhalb des Kiefers liegt.

Literatur
  • Rocabado, M. (1983). Biomechanical relationship of the cranial, cervical, and hyoid regions. Journal of Craniomandibular Practice, 1(3), 61–66. doi:10.1080/07345410.1983.11677834
  • Meyer, G. (2018). Short clinical screening procedure for initial diagnosis of temporomandibular disorders. Journal of Aligner Orthodontics, 2(2), 91–98.
  • Bumann, A., & Lotzmann, U. (Hrsg.). (2000). Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien. Thieme.
  • Travell, J. G., & Simons, D. G. (Hrsg.). Handbuch der Muskeltriggerpunkte: Obere Extremität, Kopf und Thorax. Elsevier, Urban & Fischer.
  • Schupp, W., Boisserée, W., Haubrich, J., Hermens, E., Grunert, I., Rottler, A., & Meyer, U. (2015). Diagnostische Verfahren im kraniomandibulären System. Manuelle Medizin, 53(1), 47–59. doi:10.1007/s00337-014-1174-5
  • Schupp, W., Oraki, A., Haubrich, J., Freesmeyer, W., & Kopsahilis, N. (2009). Okklusionsveränderungen und deren Auswirkungen auf den Halte- und Stützapparat. Manuelle Medizin, 47(2), 107–111. doi:10.1007/s00337-009-0673-2

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Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke), Dr. Wolfgang Boisserée, Dr. Rainer Heller, Dr. Julia Haubrich

Quelle: Journal of Aligner Orthodontics 2018; 2(3): 199–213.

Der Fachbeitrag gibt den wissenschaftlichen Stand zum Erscheinungszeitpunkt (2018) wieder.

Dr. Julia Steinmaier · Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · ORCID 0000-0002-2054-8992 · Google Scholar

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