Nach der ersten Schienenphase wird geprüft, ob die Beschwerden zurückgehen und ob der Zusammenbiss die Ursache war. Anschließend kann die Korrektur mit Alignern folgen.
Re-Evaluation nach Initialschiene und Überführung in die alignerbasierte Folgetherapie.
Dieser Beitrag schließt eine dreiteilige Artikelserie im Journal of Aligner Orthodontics ab. Teil 1: Wie Kiefergelenk, Muskeln und Haltung untersucht werden · Teil 2: Wie die entspannte Kieferlage bestimmt wird · Teil 3: Wie es nach der Schiene weitergeht (diese Seite)
Was passiert nach der Schienentherapie?
Eine Aufbiss- oder Okklusionsschiene ist bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) meist der erste Behandlungsschritt1: Sie nimmt Druck vom Kiefergelenk, entlastet die Kaumuskulatur und bringt den Unterkiefer in eine entspannte Position, in der die Beschwerden nachlassen können. Wie diese Schienentherapie bei CMD genau abläuft, haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Doch was geschieht, wenn die Schiene ihre Wirkung entfaltet hat und die Beschwerden zurückgegangen sind? Genau darum geht es in dieser Fachpublikation: um die geplante Nachbehandlung, mit der das mit der Schiene erreichte Ergebnis dauerhaft stabilisiert wird.
Der Gedanke dahinter: Eine Schiene hält den Kiefer nur so lange in der günstigen Position, wie sie getragen wird. Damit der Erfolg von Dauer ist, muss die getestete, beschwerdefreie Kieferposition in eine stabile Verzahnung überführt werden – entweder durch eine kieferorthopädische Korrektur der Zahnstellung, durch gezieltes Einschleifen oder durch zahnärztliche Restaurationen. Erst dann trägt das eigene Gebiss den Kiefer dauerhaft so, wie es zuvor die Schiene getan hat.
Die Re-Evaluation: Bestandsaufnahme nach drei bis sechs Monaten
Etwa drei bis sechs Monate nach Beginn der Schienentherapie erfolgt eine erneute, umfassende Funktionsuntersuchung.2 Sie vergleicht den aktuellen Zustand mit der Ausgangssituation und beantwortet die zentrale Frage: Hat die Behandlung der Bisslage tatsächlich zur Besserung beigetragen – oder lag die Ursache der Beschwerden möglicherweise gar nicht (allein) im Zusammenbiss?
Zur Re-Evaluation gehören mehrere Bausteine:
- Anamnese und Schmerzvergleich: Die heutigen Beschwerden werden mit den anfangs im Schmerzfragebogen dokumentierten Symptomen abgeglichen.
- Untersuchung des craniomandibulären Systems: Kontrolle der Kontakte in der therapeutischen Bisslage (mit Schiene), Abtasten der Kau- und Halsmuskulatur sowie der Kiefergelenke, Bewegungs- und Gelenkspieltests.
- Zusammenhang mit dem Bewegungsapparat: Da CMD häufig mit Verspannungen in Nacken und Rücken einhergeht, wird auch das muskuloskelettale System einbezogen.
- Okklusale Diagnostik: Ein neues Unterkiefermodell wird in der durch die Schiene gefundenen Kieferposition einartikuliert3 und mit der Ausgangslage verglichen. So lässt sich objektiv beurteilen, welche Bisslage im Verlauf der Therapie erreicht wurde.
Drei mögliche Wege nach der Schiene
Das Ergebnis der Re-Evaluation entscheidet darüber, wie es weitergeht. Grundsätzlich gibt es drei Szenarien.
1. Kein Therapieerfolg – die Bisslage war nicht die Ursache
Bleiben die Beschwerden trotz korrekt eingestellter Schiene bestehen, sollte die okklusale Therapie nicht endlos fortgeführt, sondern spätestens nach sechs Monaten beendet werden. Ein ausbleibender Erfolg deutet darauf hin, dass die Ursache nicht (nur) im Zusammenbiss liegt – etwa wenn psychische Belastungen einen großen Anteil am Beschwerdebild haben oder eine primäre Erkrankung des Kiefergelenks vorliegt. In solchen Fällen kann eine weitergehende, fachübergreifende Abklärung sinnvoll sein. Dieser ehrliche Zwischenstopp schützt Patientinnen und Patienten vor unnötigen Behandlungen.
2. Erfolg – aber keine weitere Korrektur nötig
Manchmal zeigt die Re-Evaluation nur geringe Veränderungen der Verzahnung, und die Beschwerden sind dauerhaft verschwunden. Dann ist keine kieferorthopädische oder prothetische Behandlung erforderlich. Häufig genügt es, die Schiene nur noch nachts zu tragen. Wichtig ist dabei, die Schiene so zu gestalten, dass sie auch die Frontzähne abdeckt – sonst können unerwünschte Nebeneffekte wie ein Tiefertreten der Seitenzähne entstehen.4 Nach sechs Monaten folgt eine erneute Kontrolle. Kehren die Schmerzen zurück, sollte die Schiene sofort wieder konsequent getragen und die Praxis aufgesucht werden. Die Schiene übernimmt hier die Rolle eines langfristigen Stabilisierungs- und Retentionsinstruments.
3. Erfolg – mit anschließender Stabilisierung der Verzahnung
Der häufigste und zugleich anspruchsvollste Weg: Die Schiene hat die Beschwerden gelöst, doch die neue, entspannte Kieferposition wird vom natürlichen Zusammenbiss noch nicht getragen. Um sie dauerhaft zu sichern, stehen drei Werkzeuge zur Verfügung, die einzeln oder kombiniert eingesetzt werden:
- Subtraktive Maßnahmen: gezieltes, schonendes Einschleifen störender Kontaktpunkte.
- Kieferorthopädische Korrektur: Bewegen der Zähne in eine Stellung, die die getestete Kieferposition abstützt.5
- Prothetische Maßnahmen: Veränderung der Zahnform oder Wiederaufbau von Zähnen, um stabile Kontakte zu schaffen.
Wichtig ist, dass jede dieser Maßnahmen in der zuvor mit der Schiene ermittelten Kiefergelenksposition erfolgt. Diese Position wird im Verhältnis 1:1 übernommen – also exakt jene Stellung, in der die Patientin oder der Patient beschwerdefrei war. Das erfordert Erfahrung und eine sorgfältige funktionsdiagnostische Planung.
Vom getesteten Biss zur stabilen Verzahnung
Wenn eine kieferorthopädische Korrektur ansteht, beginnt die eigentliche Stärke des Konzepts. Die mit der Schiene gefundene Kieferposition wird direkt in die Zahnkorrektur übernommen, ohne dass die getestete Stellung dabei verloren geht. Dazu werden auf die hinteren Backenzähne kleine festsitzende Aufbauten (sogenannte COPA-Onlays) geklebt, die den Kiefer weiterhin exakt in der getesteten Position halten. Auf dieser sicheren Grundlage erfolgt die Zahnbewegung6 – mit transparenten Alignern.
Die Behandlung verläuft in zwei Phasen. In der ersten Phase werden die Front- und Eckzähne ausgerichtet und der Biss vorbereitet, während die Backenzähne bewusst nicht bewegt werden – sie sichern weiter die Kieferposition. In der zweiten Phase werden dann auch die Backenzähne so eingestellt, dass am Ende alle Zähne wieder gleichmäßig zusammentreffen und eine belastbare vertikale Abstützung im Seitenzahnbereich entsteht. Langzeitdaten zur Einstellung der Bisskurve mit festen Apparaturen sprechen dafür, dass eine so eingestellte Bisshöhe stabil bleiben kann.7 Im ersten Fall der Publikation war das Ergebnis nach 5,5 Jahren stabil.
Am Ende übernimmt das eigene Gebiss die Aufgabe, die zuvor die Schiene erfüllt hat: Es hält den Unterkiefer in der beschwerdefreien, physiologischen Position. Bildgebende Kontrollen (z. B. per DVT) bestätigen, dass die Kiefergelenke nach der Behandlung tatsächlich in der zuvor eingestellten, entlasteten Lage stehen.8 Weil dieses Vorgehen schonend und ohne sichtbare Apparaturen funktioniert, eignet es sich besonders gut für die kieferorthopädische Behandlung von Erwachsenen, die eine diskrete Lösung suchen.
Zwei Behandlungsbeispiele aus der Praxis
Eine 28-jährige Patientin mit langjährigen Beschwerden
Eine 28-jährige Patientin litt seit Jahren unter beidseitigen Kiefergelenksschmerzen mit Knackgeräuschen und bis in die Ohren ausstrahlenden Schmerzen. Hinzu kamen wiederkehrende Nacken- und Rückenbeschwerden, gegen die sie über längere Zeit ein Schmerzmittel einnehmen musste. Die Funktionsuntersuchung zeigte einen klaren Zusammenhang zwischen ihren Kiefergelenkbeschwerden und der Bisslage: Ein zu früher Kontakt im Frontzahnbereich und eine fehlende Abstützung hinten drängten den Unterkiefer und die Gelenkköpfchen nach hinten.
Nach der Schienentherapie hatte die Patientin kaum noch Beschwerden, und die Schmerzmedikation konnte beendet werden. Da die erreichte Bisslage über mehrere Wochen stabil blieb, wurde die Zahnstellung anschließend mit Alignern korrigiert – die getestete Kieferposition wurde dabei exakt übernommen. Zum Abschluss wurden einzelne Backenzähne mit festsitzenden Keramikteilen (Onlays) und einer Krone so aufgebaut, dass alle Seitenzähne gleichmäßig zusammentreffen; die Bisshöhe aus der Schienenphase wurde dabei 1:1 übernommen. Biss und Aussehen waren nach 5,5 Jahren stabil.
Ein 60-jähriger Patient mit einseitigen Beschwerden
Ein 60-jähriger Patient klagte über einseitige Kiefergelenksschmerzen, vor allem rechts, sowie über häufige Rückenschmerzen. Die Untersuchung und die bildgebende Diagnostik bestätigten einen deutlich verengten Gelenkspalt im rechten Kiefergelenk – die Folge fehlender Abstützung im hinteren Bereich. Bei ihm wurde die festsitzende Schienen- und Aligner-Behandlung direkt kombiniert. Nach der Therapie war die vertikale Abstützung der Seitenzähne wiederhergestellt. Der Gelenkspalt nach oben, zu Beginn besonders eng mit nur 0,5 Millimetern, maß am Ende 2,8 Millimeter.8 Der Patient war beschwerdefrei.
Die beiden Fälle aus unserer Praxis – eine 28-jährige Patientin und ein 60-jähriger Patient – zeigen, dass das Vorgehen auch bei langjährigen Beschwerden und in höherem Alter infrage kommt, wenn die Untersuchung die Bisslage als Ursache bestätigt hat. Wie stark und wie schnell sich Beschwerden bessern, ist individuell verschieden.
Den Verlauf der 28-jährigen Patientin haben wir für Patientinnen und Patienten aufbereitet: Behandlungsbeispiel: Erst Schiene, dann Aligner.
Wann die Nachbehandlung beginnt
Die Schiene ist bei CMD nicht das Ende, sondern der Anfang einer durchdachten Behandlung. Sie findet die beschwerdefreie Kieferposition und macht sie überprüfbar – die eigentliche Nachhaltigkeit entsteht jedoch erst, wenn diese Position dauerhaft gesichert wird. Die Überführung der therapeutisch eingestellten Kiefergelenksposition in eine stabile Verzahnung mit transparenten Alignern ist dafür ein schonender Weg: Die Zähne werden gezielt bewegt, während die COPA-Aufbauten die erreichte Kieferposition halten. Ziel ist, dass das eigene Gebiss den Unterkiefer dauerhaft so abstützt, wie es vorher die Schiene getan hat.
Muss ich die Schiene danach für immer tragen?
Das hängt vom Ergebnis der Kontrolle nach drei bis sechs Monaten ab. Wenn sich die Verzahnung kaum verändert hat und die Beschwerden dauerhaft verschwunden sind, genügt oft das nächtliche Tragen. Wird die Kieferposition dagegen mit Alignern, Einschleifen oder Zahnersatz in die Verzahnung übernommen, trägt am Ende das eigene Gebiss den Kiefer.
Wer trägt die Kosten?
Aligner sind eine private Leistung; die gesetzliche Krankenkasse übernimmt sie nicht. Die klinische und die instrumentelle Funktionsanalyse sowie die Kiefergelenkvermessung mit dem DMD-System sind keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung und werden nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) privat berechnet. Für die Schienenbehandlung bei Kiefergelenkerkrankungen sieht der BEMA eigene Positionen vor; ob eine Schiene zur Kassenleistung wird, hängt vom Befund ab. Die Kosten können Sie bei uns bis zu 18 Monate zinsfrei in Raten zahlen, direkt über die Praxis. Wenn Sie beihilfeberechtigt sind, unterstützen wir Sie bei den Unterlagen.
+Literatur
- Schupp, W., Haubrich, J., & Hermens, E. (2013). Möglichkeiten und Grenzen der Schienentherapie in der Kieferorthopädie. Zahnmedizin up2date, 2013(2).
- Schupp, W., Funke, J., Boisserée, W., Heller, R., & Haubrich, J. (2018). Continuing diagnostics of the temporomandibular and musculoskeletal system (TMS/MSS). Journal of Aligner Orthodontics, 2(3), 199–213.
- Schupp, W., Funke, J., & Boisserée, W. (2018). Continuing diagnostics and therapy of the temporomandibular and musculoskeletal system. Journal of Aligner Orthodontics, 2(4), 267–281.
- Schupp, W. (Hrsg.). (1993). Funktionslehre in der Kieferorthopädie. FDK.
- Schupp, W., Haubrich, J., & Neumann, I. (2010). Invisalign® treatment of patients with craniomandibular disorders. International Orthodontics, 8(3), 253–267. doi:10.1016/j.ortho.2010.07.010
- Rossini, G., Parrini, S., Deregibus, A., et al. (2017). Controlling orthodontic tooth movement with clear aligners: An updated systematic review regarding efficacy and efficiency. Journal of Aligner Orthodontics, 1(1), 7–20.
- Bernstein, R. L., Preston, C. B., & Lampasso, J. (2007). Leveling the curve of Spee with a continuous archwire technique: A long term cephalometric study. American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics, 131(3), 363–371. doi:10.1016/j.ajodo.2005.05.056
- Dziedzina, G. (2011). Vermessung und vergleichende Darstellung der Gelenkspaltbreite von physiologischen und dysfunktionellen Kiefergelenken mittels digitaler Volumentomografie.
Ihr Kieferorthopäde Köln!
Vereinbaren Sie Ihre unverbindliche Beratung bei JUST KFO – Dr. Steinmaier & Kollegen in Köln.
Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke), Dr. Julia Haubrich, Dr. Wolfgang Boisserée
Quelle: Journal of Aligner Orthodontics 2019; 3(2): 147–164.
Der Fachbeitrag gibt den wissenschaftlichen Stand zum Erscheinungszeitpunkt (2019) wieder.
Dr. Julia Steinmaier · Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · ORCID 0000-0002-2054-8992 · Google Scholar