Damit die Aligner-Planung am Computer der echten Kieferbewegung entspricht, wird ein virtueller Artikulator genutzt. Der Beitrag erklärt, wie die reale Unterkieferbewegung digital erfasst und in die Planung übernommen wird.
Virtueller Artikulator mit digitaler Bewegungsaufzeichnung (Digital Motion Decoder) in der Aligner-Planung.
Funktionsorientierte Aligner-Planung: Wenn der Schlussbiss von Anfang an mitgeplant wird
Eine erfolgreiche Zahnkorrektur bedeutet mehr, als die Zähne nur gerade zu stellen. Genauso wichtig ist, dass die Zähne am Ende richtig aufeinandertreffen und die Kiefergelenke entlastet sind. Dieser Fachbeitrag beschreibt, wie sich mit einem „virtuellen Artikulator“ die individuelle Kieferbewegung schon in der digitalen Planung berücksichtigen lässt – und zeigt das an einem realen Behandlungsfall mit Kiefergelenkbeschwerden.
Update: 2025 ist zu diesem Thema eine aktualisierte Kurzfassung in der Quintessenz Zahntechnik erschienen – Der virtuelle Artikulator in der Aligner-Kieferorthopädie – Update 2025.
Was ein virtueller Artikulator ist
Bei der Aligner-Planung am Computer werden Ober- und Unterkiefer virtuell zueinander in Beziehung gesetzt. Bisher geschah das meist über eine starre Standard-Zuordnung, die nicht der echten Öffnungs- und Schließbewegung des Kiefers entspricht. Ein virtueller Artikulator bildet dagegen die tatsächliche, individuelle Kieferbewegung der Patientin oder des Patienten nach. So lässt sich der Biss bereits in der Planung in eine gesunde, gelenkschonende Position bringen.
Die digitale Gelenkregistrierung
Dafür wird die Bewegung des Unterkiefers mit einem digitalen Messsystem erfasst. Zwei kleine Sensoren an den Zähnen zeichnen auf, wie sich der Kiefer beim Öffnen und Schließen bewegt. Diese Daten werden mit dem 3D-Scan der Zähne zusammengeführt. Das Ergebnis: Der Kieferorthopäde erkennt, ob die Kiefergelenke genügend Spielraum haben, und kann die Aligner so planen, dass der Biss am Ende in einer entlastenden Position steht.
Ein Behandlungsbeispiel
Die Ausgangssituation
Eine 39-jährige Patientin stellte sich mit deutlichen Beschwerden im Bereich der Kiefergelenke (CMD) und abgenutzten Frontzähnen vor. Ihre Zahnbögen waren asymmetrisch und eng, einzelne Frontzähne gekippt, und es fehlte die nötige Abstützung im Seitenzahnbereich. Die digitale Gelenkmessung zeigte, dass vor allem das rechte Kiefergelenk nicht genügend Raum hatte. Mehr zum Thema Kiefergelenkbeschwerden lesen Sie auf unserer Seite zur CMD-Behandlung.
Der Behandlungsverlauf
Auf Basis der Gelenkmessung wurde der Biss in der Planung in eine physiologische Position gebracht und die Zahnbewegung Schritt für Schritt mit durchsichtigen Schienen umgesetzt. Die Behandlung umfasste acht Schritte mit jeweils zwei Schienen unterschiedlicher Stärke. Kleine Hilfselemente auf den Zähnen unterstützten die geplanten Bewegungen. Ein nicht mehr positionsgerechter Frontzahn wurde am Ende minimal in der Form angepasst.
Das Ergebnis
Nach nur 16 Wochen war die Patientin beschwerdefrei, und die anschließende Kontrollmessung zeigte wieder ein gesundes, physiologisches Bewegungsmuster der Kiefergelenke. Die Zähne standen harmonisch in einem stabilen Biss. Ein ausführliches Patientenbeispiel dazu finden Sie in unserem Blog.
Was dieser Fall zeigt
Die Kombination aus durchsichtigen Schienen (Aligner) und funktionsorientierter Planung mit virtuellem Artikulator macht es möglich, nicht nur schöne, sondern auch funktionell gesunde Behandlungsergebnisse zu erzielen – gerade bei Patientinnen und Patienten mit Kiefergelenkbeschwerden.
Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Haubrich, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke)
Quelle: Schupp W, Haubrich J, Funke J. The virtual articulator in aligner orthodontics. Journal of Aligner Orthodontics 2023;7(4):267–283.