Auch aufwendigere Fehlstellungen lassen sich mit Alignern behandeln, wenn man sie mit kleinen Verankerungs-Implantaten kombiniert. Der Fallbericht zeigt das an einem offenen Biss mit Lückenschluss.
Komplexe Aligner-Fälle (anteriorer offener Biss, Extraktion) mit skelettaler Verankerung.
Approaching complex orthodontic treatment cases using aligners in combination with skeletal anchorage
Manche kieferorthopädischen Ausgangssituationen sind besonders anspruchsvoll – etwa, wenn mehrere Fehlstellungen gleichzeitig vorliegen und ein Zahn ersetzt oder eine Lücke geschlossen werden muss. Der folgende reale Behandlungsfall aus unserer Kölner Praxis zeigt, wie sich selbst ein solch komplexer Fall mit durchsichtigen Alignern lösen lässt, wenn sie mit einer stabilen Verankerung am Gaumen kombiniert werden.
Die Ausgangssituation
Bei einer 48-jährigen Patientin musste der erste obere Backenzahn links (erster Molar) entfernt werden. Statt die entstandene Lücke durch ein Implantat zu ersetzen, wünschte sie sich eine möglichst unsichtbare kieferorthopädische Lösung.1 Hinzu kamen mehrere weitere Befunde: ein ausgeprägter Engstand im Unterkiefer, ein offener Biss im Frontzahnbereich sowie ein einseitiger Kreuzbiss. Das Zahnfleisch war dünn und an mehreren Zähnen bereits zurückgegangen. Eine solche Kombination erfordert eine besonders sorgfältige, dreidimensionale Planung.
Der Behandlungsansatz
Lückenschluss statt Implantat
Anstatt die Lücke künstlich zu füllen, wurden die hinteren Zähne kontrolliert nach vorne bewegt, um sie auf natürliche Weise zu schließen. Eine solche Bewegung großer Zähne über eine weite Strecke gelingt nur mit einer sehr stabilen Verankerung – diese lieferte ein am Gaumen befestigtes System mit kleinen Mini-Implantaten.2
Die Apparatur, ein sogenannter Mesialslider, wurde am Computer auf dem digitalen Modell konstruiert und aus Metall gefertigt. Gehalten wird sie von drei Mini-Implantaten im vorderen Gaumen (zwei mit 2 × 9 mm, eines mit 2 × 7 mm). Eine Nickel-Titan-Feder mit rund 200 g Zugkraft zog den zweiten und dritten Backenzahn links Schritt für Schritt nach vorne. Weil sich die Kraft direkt an den Mini-Implantaten abstützt, bleiben die übrigen Zähne unbelastet. Eingesetzt wurden Apparatur und Mini-Implantate in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Benedict Wilmes an der Universität Düsseldorf; die Aligner-Behandlung lief parallel bei uns.
Wie diese Technik bei einem klassischen Lückenschluss im Seitenzahnbereich eingesetzt wird, lesen Sie ausführlich auf unserer Seite zum Mesialslider im Seitenzahngebiet.
Aligner für die Gesamtkorrektur
Die eigentliche Zahnregulierung übernahmen durchsichtige Schienen. Sie boten eine nahezu unsichtbare Behandlung und steuerten die Zahnbewegungen präzise.3 Um den ausgeprägten Engstand im Unterkiefer aufzulösen, wurde zusätzlich ein einzelner unterer Schneidezahn entfernt.4 Der Grund: Hätte man den Platz durch Verbreitern des Zahnbogens geschaffen, wäre das dünne Zahnfleisch weiter unter Druck geraten. Die Entscheidung für eine solche Extraktion wird im Einzelfall abgewogen, weil sich zwischen den Schneidezähnen ein kleines Dreieck ohne Zahnfleisch bilden kann. Mehr zur Behandlung mit durchsichtigen Schienen (Aligner) erfahren Sie auf unserer Kompetenzseite.
Der Verlauf in Zahlen
- Kontrolltermine etwa alle zehn Wochen.
- Nach 20 Wochen waren die Backenzähne rund 1 mm nach vorne gewandert, nach 28 Wochen rund 3 mm, nach etwa einem Jahr rund 5 mm. Insgesamt wurden sie um etwa 10 mm verschoben.
- Weil die Aligner zeitweise nicht lange genug getragen wurden, passten sie nicht mehr exakt. Es waren mehrere Nachscans und zusätzliche Aligner-Serien nötig, insgesamt 90 Aligner.
- Gesamtdauer: rund 2,5 Jahre.
Die Autoren benennen zwei Erfahrungen offen. Bei großen Zahnbewegungen mit fest verankerter Mechanik tut sich in den ersten zwei bis drei Monaten oft sichtbar wenig, bevor die Bewegung einsetzt. Und im Rückblick wäre es günstiger gewesen, den Backenzahn erst kurz vor dem Einsetzen des Mesialsliders zu entfernen, weil der Knochen direkt nach einer Extraktion Zahnbewegungen besser zulässt.
Das Behandlungsergebnis
Am Ende war die Lücke des extrahierten Molaren vollständig geschlossen, der offene Biss korrigiert5 und die Zähne in eine harmonische, funktionelle Verzahnung gebracht. Ein Implantat war nicht nötig; der Mesialslider lag am Gaumen und war von außen nicht zu sehen. Zur Sicherung trägt die Patientin einen festen Retainer hinter den unteren Front- und Eckzähnen und nachts einen Aligner im Oberkiefer. Ein Röntgenbild fünf Monate nach Abschluss zeigte stabile Knochenverhältnisse an den verschobenen Backenzähnen.
Was dieser Fall zeigt
Auch komplexe Ausgangssituationen mit mehreren gleichzeitigen Fehlstellungen lassen sich heute mit durchsichtigen Alignern behandeln, sofern sie mit einer geeigneten skelettalen Verankerung kombiniert werden. Solche Behandlungen dauern länger und verlangen mehr Termine als eine einfache Aligner-Korrektur; ob sie für Sie infrage kommen, klären wir im Beratungsgespräch. Wichtig bleibt in jedem Fall eine präzise Planung und gute Mitarbeit der Patientin oder des Patienten. Wie dieser Fall aus Sicht der Patientin verlief, lesen Sie in unserem Behandlungsbeispiel: Komplexe Korrektur bei Erwachsenen.
+Literatur
- Re, S., Cardaropoli, D., Corrente, G., & Abundo, R. (2001). Bodily tooth movement through the maxillary sinus with implant anchorage for single tooth replacement. Clinical Orthodontics and Research, 4(3), 177–181. doi:10.1034/j.1600-0544.2001.040308.x
- Wilmes, B., Nienkemper, M., Nanda, R., Lübberink, G., & Drescher, D. (2013). Palatally anchored maxillary molar mesialization using the mesialslider. Journal of Clinical Orthodontics, 47(3), 172–179.
- Rossini, G., Parrini, S., Castroflorio, T., Deregibus, A., & Debernardi, C. L. (2015). Efficacy of clear aligners in controlling orthodontic tooth movement: A systematic review. The Angle Orthodontist, 85(5), 881–889. doi:10.2319/061614-436.1
- Palikaraki, G., Karamesinis, K., & Damanakis, G. (2018). Orthodontic treatment in a periodontal patient with incisor extraction using the Invisalign clear aligner system: A case report. Journal of Aligner Orthodontics, 2(4), 317–323.
- Dayan, W., Aliaga-Del Castillo, A., & Janson, G. (2019). Open-bite treatment with aligners and selective posterior intrusion. Journal of Clinical Orthodontics, 53, 53–54.
Ihr Kieferorthopäde Köln!
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Autoren: Dr. Julia Haubrich, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke), Dr. Werner Schupp, Dr. Benedict Wilmes
Quelle: Journal of Aligner Orthodontics 2022; 6(2): 103–120.
Der Fachbeitrag gibt den wissenschaftlichen Stand zum Erscheinungszeitpunkt (2022) wieder.
Dr. Julia Steinmaier · Fachzahnärztin für Kieferorthopädie · ORCID 0000-0002-2054-8992 · Google Scholar