Fachpublikation

Rahmenbedingungen für die Alignertherapie

Auf einen Blick
Für Patient:innen

Vor einer Behandlung mit durchsichtigen Schienen steht eine ausführliche Untersuchung – von der Krankengeschichte über die Funktion des Kiefergelenks bis zum Röntgenbild. Der Beitrag zeigt, worauf es dabei ankommt, und begleitet einen dokumentierten Behandlungsfall.

Für Fachkolleg:innen

Anforderungen an Diagnostik und Behandlungsplanung der Alignertherapie, mit Fallbericht einer erwachsenen Patientin.

Passende Behandlung in unserer Praxis: Durchsichtige Zahnspange (Aligner)
15.08.2026

Was eine Alignerbehandlung fachlich voraussetzt

Durchsichtige Schienen (Aligner) sind heute fester Bestandteil der Kieferorthopädie. Mit der Verbreitung wächst aber auch die Zahl der Anbieter – bis hin zu kommerziellen Angeboten, die Behandlungen ohne ärztliche Betreuung direkt an Patientinnen und Patienten verkaufen. Die zugrunde liegende Fachpublikation unserer Praxis geht der Frage nach, welche Voraussetzungen eine Alignerbehandlung fachlich braucht, und zeigt den Ablauf an einem realen Behandlungsfall. Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Punkte verständlich zusammen.

Ist jede Fehlstellung mit Alignern behandelbar?

Die Publikation stellt genau diese Fragen an den Anfang: Ist jeder Patient und jede Zahn- oder Kieferfehlstellung mit Alignern behandelbar? Gibt es Grenzen? Und kann das auch ein kommerzieller Anbieter leisten?

Festzuhalten ist zunächst: Nach über 20 Jahren Erfahrung ist die Alignerbehandlung ein etablierter Bestandteil des kieferorthopädischen Behandlungsrepertoires. Waren anfangs vor allem kleinere Lücken und Engstände das Einsatzgebiet, lassen sich heute bei sorgfältiger Planung auch anspruchsvollere Korrekturen in horizontaler, vertikaler und sagittaler Richtung durchführen – bei Erwachsenen ebenso wie bei jüngeren Patientinnen und Patienten. Entscheidend ist dabei, dass die individuellen biologischen Gegebenheiten und die biomechanischen Prinzipien berücksichtigt werden.

Die Diagnostik vor der Behandlung

Wie vor jeder kieferorthopädischen Behandlung steht auch hier eine ausführliche Anfangsdiagnostik. Die Publikation beschreibt fünf Bestandteile.

Anamnese

Erfragt wird unter anderem, ob genetische Faktoren zur Fehlstellung beitragen, ob Allgemeinerkrankungen oder eine besondere Schmerzsymptomatik bestehen und ob Medikamente eingenommen werden, die die Zahnbewegung beeinflussen können.

Extra- und intraoraler Befund

Dazu gehören die biologische Analyse (Zustand von Parodont, Endodont sowie Zahnschmelz und Dentin), die myofunktionelle Analyse (Habits, Auffälligkeiten im Sprach- und Schluckmuster, Lippenschluss, Atmung) und die ästhetische Analyse – etwa die Ruheposition der Oberlippe im Verhältnis zu den Schneidezähnen, die dentale und skelettale Mittellinie, die Sichtbarkeit des Zahnfleischs, ein bukkaler Korridor und der Verlauf der Lachlinie.

Funktionsdiagnostik

Mit dem „Short Screening“ nach G. Meyer wird geprüft, ob Anzeichen für eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) vorliegen. Sechs Einzeluntersuchungen kommen dabei zum Einsatz. Fallen zwei oder mehr Tests positiv aus, ist eine CMD wahrscheinlich und eine weiterführende Funktionsanalyse angezeigt. Bleibt eine CMD unentdeckt, kann es im Verlauf der Behandlung und auch danach zu Problemen bis hin zu einer Verstärkung der Dysfunktion kommen.

Modellbefund

Die Modellanalyse gibt Aufschluss über die strukturellen Gegebenheiten. Bei erwachsenen Patientinnen und Patienten sollten neben den Zahnfehlstellungen auch fehlende Zähne und defekte Restaurationen berücksichtigt werden, um gegebenenfalls eine interdisziplinäre Behandlung vorzusehen.

Röntgenbefund

Eine Röntgenübersichtsaufnahme dient der Abklärung von Zahnzahl und Zahnlage, Mineralisation, Form und Größe von Zahnkeimen und Wurzeln sowie der Beurteilung von Zahnwurzeln, Kieferknochen und Parodontium – und der Kariesdiagnostik.

Grundregeln der Behandlungsplanung

Für die Planung nennt die Publikation mehrere Grundregeln: Ohne Verankerung ist keine korrekte Zahnbewegung möglich. Ein Zahn, der nicht bewegt werden muss, sollte auch nicht bewegt werden – Mikrobewegungen von Molaren gilt es zu vermeiden. Im Unterkiefer sollte die intercanine Distanz beibehalten werden, weil das die Stabilität des Behandlungsergebnisses fördert. Und ein „Round-tripping“, also das Hin- und Zurückbewegen von Zähnen, sollte vermieden werden.

Ein Behandlungsbeispiel

Die Ausgangssituation

Eine 46-jährige Patientin stellte sich im Dezember 2021 erstmalig in unserer Praxis vor. Sie war bereits als Jugendliche mit einer Multibracket-Apparatur behandelt worden; damals wurde Zahn 24 entfernt und die Lücke geschlossen. Der „Short Screening“-Test fiel negativ aus. Klinisch zeigten sich Zahnfleischrückgänge, vor allem im Oberkiefer, die größtenteils bereits mit Zahnhalsfüllungen versorgt waren. Es bestanden weitere Versorgungen, ein Zustand nach Wurzelspitzenresektion und ein geringgradiger horizontaler Knochenabbau.

Die Planung

Nach Rücksprache mit der behandelnden Zahnärztin wurde vereinbart, die Erneuerung der unzureichenden Versorgungen im Anschluss an die kieferorthopädische Behandlung durchzuführen. Vor und begleitend zur Behandlung erfolgte eine Parodontalbehandlung, damit die Zahnbewegungen in einem entzündungsfreien Halteapparat stattfinden konnten.

Wegen der Zahnfleischrückgänge musste ein Platzgewinn durch weitere Expansion oder Vorneigung der Zähne vermieden werden; der Platz im Unterkiefer wurde stattdessen durch eine schonende Schmelzreduktion zwischen den Zähnen geschaffen. Eine aufwendige Korrektur der Mittellinie im Oberkiefer wurde bewusst nicht eingeplant: Die Patientin störte sich nicht daran, und die stabilen Kauverhältnisse im Seitenzahnbereich sollten erhalten bleiben.

Die Planung erfolgte virtuell in der Software OnyxCeph. Die Backenzähne wurden fixiert, damit sie aus Verankerungsgründen und zum Erhalt der stabilen Verzahnung unbewegt blieben. Auf den Zähnen 33, 43 und 31 wurden rechteckige, vertikale Halteelemente (Attachments) geplant, um Kräfte optimal zu übertragen.

Der Behandlungsverlauf

Aus der geplanten Zahnbewegung ergaben sich zwölf Behandlungsschritte. Die Schienen wurden im eigenen Labor gefertigt. Die Patientin wechselte die Aligner wöchentlich und trug sie 22 Stunden täglich; etwa alle acht Wochen fand ein Kontrolltermin statt.

Nach der ersten Behandlungsphase von 24 Wochen waren die Zahnbögen weitgehend ausgeformt. Zahn 31 zeigte noch eine leichte Drehung und Fehlstellung, weshalb eine zusätzliche Phase mit vier weiteren Schritten im Unterkiefer eingeplant wurde.

Das Ergebnis

Nach einer Gesamtbehandlungszeit von acht Monaten waren die Zahnbögen harmonisch ausgeformt und der Kopfbiss in Regio 13 überstellt. Die bereits zu Beginn bestehenden Zahnfleischrückgänge hatten sich nicht verschlechtert, die Entzündungszeichen in Regio 11 waren rückläufig. Die geplante interdisziplinäre zahnärztliche Weiterbehandlung konnte anschließend beginnen. Zur Sicherung des Ergebnisses trug die Patientin nachts eine Retentionsschiene im Oberkiefer; im Unterkiefer wurde ein Lingualretainer von Zahn 34 bis 44 eingesetzt.

Was dieser Fall zeigt

Die Alignertherapie ist ein ästhetisches und für Patientinnen und Patienten komfortables Behandlungsmittel, das bei fachkundiger Anwendung sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Um unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden, sind eine ausreichende Diagnostik und eine Therapieplanung auf biomechanischer Grundlage notwendig. Es gibt viele potenzielle Fehlerquellen – deshalb sollte sich auch jede spezialisierte Behandlerin und jeder spezialisierte Behandler bei jeder Behandlung immer wieder kritisch selbst hinterfragen.

Mehr zur Behandlung mit durchsichtigen Schienen (Aligner) erfahren Sie auf unserer Kompetenzseite, mehr zur Kieferorthopädie für Erwachsene und zur CMD-Schmerztherapie in den jeweiligen Bereichen. Wie wir die Diagnostik im Haus durchführen, lesen Sie unter Digitale Diagnostik.

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Autoren: Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke)

Quelle: Funke J. Rahmenbedingungen für die Alignertherapie. Dentista 2023; 04: 32–37.