Nach der ersten Schienenphase wird geprüft, ob die Beschwerden zurückgehen und ob der Zusammenbiss die Ursache war. Anschließend kann die Korrektur mit Alignern folgen.
Re-Evaluation nach Initialschiene und Überführung in die alignerbasierte Folgetherapie.
Was passiert nach der Schienentherapie?
Eine Aufbiss- oder Okklusionsschiene ist bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) meist der erste Behandlungsschritt: Sie nimmt Druck vom Kiefergelenk, entlastet die Kaumuskulatur und bringt den Unterkiefer in eine entspannte, schmerzfreie Position. Wie diese Schienentherapie bei CMD genau abläuft, haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Doch was geschieht, wenn die Schiene ihre Wirkung entfaltet hat und die Beschwerden zurückgegangen sind? Genau darum geht es in dieser Fachpublikation: um die geplante Nachbehandlung, mit der das mit der Schiene erreichte Ergebnis dauerhaft stabilisiert wird.
Der entscheidende Gedanke dahinter: Eine Schiene hält den Kiefer nur so lange in der günstigen Position, wie sie getragen wird. Damit der Erfolg von Dauer ist, muss die getestete, beschwerdefreie Kieferposition in eine stabile Verzahnung überführt werden – entweder durch eine kieferorthopädische Korrektur der Zahnstellung, durch gezieltes Einschleifen oder durch zahnärztliche Restaurationen. Erst dann trägt das eigene Gebiss den Kiefer dauerhaft so, wie es zuvor die Schiene getan hat.
Die Re-Evaluation: Bestandsaufnahme nach drei bis sechs Monaten
Etwa drei bis sechs Monate nach Beginn der Schienentherapie erfolgt eine erneute, umfassende Funktionsuntersuchung. Sie vergleicht den aktuellen Zustand mit der Ausgangssituation und beantwortet die zentrale Frage: Hat die Behandlung der Bisslage tatsächlich zur Besserung beigetragen – oder lag die Ursache der Beschwerden möglicherweise gar nicht (allein) im Zusammenbiss?
Zur Re-Evaluation gehören mehrere Bausteine:
- Anamnese und Schmerzvergleich: Die heutigen Beschwerden werden mit den anfangs im Schmerzfragebogen dokumentierten Symptomen abgeglichen.
- Untersuchung des craniomandibulären Systems: Kontrolle der Kontakte in der therapeutischen Bisslage (mit Schiene), Abtasten der Kau- und Halsmuskulatur sowie der Kiefergelenke, Bewegungs- und Gelenkspieltests.
- Zusammenhang mit dem Bewegungsapparat: Da CMD häufig mit Verspannungen in Nacken und Rücken einhergeht, wird auch das muskuloskelettale System einbezogen.
- Okklusale Diagnostik: Ein neues Unterkiefermodell wird in der durch die Schiene gefundenen Kieferposition einartikuliert und mit der Ausgangslage verglichen. So lässt sich objektiv beurteilen, welche Bisslage im Verlauf der Therapie erreicht wurde.
Drei mögliche Wege nach der Schiene
Das Ergebnis der Re-Evaluation entscheidet darüber, wie es weitergeht. Grundsätzlich gibt es drei Szenarien.
1. Kein Therapieerfolg – die Bisslage war nicht die Ursache
Bleiben die Beschwerden trotz korrekt eingestellter Schiene aus, sollte die okklusale Therapie nicht endlos fortgeführt, sondern spätestens nach sechs Monaten beendet werden. Ein ausbleibender Erfolg deutet darauf hin, dass die Ursache nicht (nur) im Zusammenbiss liegt – etwa wenn psychische Belastungen einen großen Anteil am Beschwerdebild haben oder eine primäre Erkrankung des Kiefergelenks vorliegt. In solchen Fällen kann eine weitergehende, fachübergreifende Abklärung sinnvoll sein. Dieser ehrliche Zwischenstopp schützt Patientinnen und Patienten vor unnötigen Behandlungen.
2. Erfolg – aber keine weitere Korrektur nötig
Manchmal zeigt die Re-Evaluation nur geringe Veränderungen der Verzahnung, und die Beschwerden sind dauerhaft verschwunden. Dann ist keine kieferorthopädische oder prothetische Behandlung erforderlich. Häufig genügt es, die Schiene nur noch nachts zu tragen. Wichtig ist dabei, die Schiene so zu gestalten, dass sie auch die Frontzähne abdeckt – sonst können unerwünschte Nebeneffekte wie ein Tiefertreten der Seitenzähne entstehen. Nach sechs Monaten folgt eine erneute Kontrolle. Kehren die Schmerzen zurück, sollte die Schiene sofort wieder konsequent getragen und die Praxis aufgesucht werden. Die Schiene übernimmt hier die Rolle eines langfristigen Stabilisierungs- und Retentionsinstruments.
3. Erfolg – mit anschließender Stabilisierung der Verzahnung
Der häufigste und zugleich anspruchsvollste Weg: Die Schiene hat die Beschwerden gelöst, doch die neue, entspannte Kieferposition wird vom natürlichen Zusammenbiss noch nicht getragen. Um sie dauerhaft zu sichern, stehen drei Werkzeuge zur Verfügung, die einzeln oder kombiniert eingesetzt werden:
- Subtraktive Maßnahmen: gezieltes, schonendes Einschleifen störender Kontaktpunkte.
- Kieferorthopädische Korrektur: Bewegen der Zähne in eine Stellung, die die getestete Kieferposition abstützt.
- Prothetische Maßnahmen: Veränderung der Zahnform oder Wiederaufbau von Zähnen, um stabile Kontakte zu schaffen.
Entscheidend ist, dass jede dieser Maßnahmen in der zuvor mit der Schiene ermittelten Kiefergelenksposition erfolgt. Diese Position wird im Verhältnis 1:1 übernommen – also exakt jene Stellung, in der die Patientin oder der Patient beschwerdefrei war. Das erfordert Erfahrung und eine sorgfältige funktionsdiagnostische Planung.
Vom getesteten Biss zur stabilen Verzahnung
Wenn eine kieferorthopädische Korrektur ansteht, beginnt die eigentliche Stärke des modernen Konzepts. Die mit der Schiene gefundene Kieferposition lässt sich nämlich nahtlos in die Zahnkorrektur überführen, ohne dass die schmerzfreie Stellung dabei verloren geht. Dazu werden auf die hinteren Backenzähne kleine festsitzende Aufbauten (sogenannte COPA-Onlays) geklebt, die den Kiefer weiterhin exakt in der getesteten Position halten. Auf dieser sicheren Grundlage erfolgt die Zahnbewegung – komfortabel und nahezu unsichtbar mit transparenten Alignern.
Die Behandlung verläuft in zwei Phasen. In der ersten Phase werden die Front- und Eckzähne ausgerichtet und der Biss vorbereitet, während die Backenzähne bewusst nicht bewegt werden – sie sichern weiter die Kieferposition. In der zweiten Phase werden dann auch die Backenzähne so eingestellt, dass am Ende alle Zähne wieder gleichmäßig zusammentreffen und eine belastbare vertikale Abstützung im Seitenzahnbereich entsteht. Studien zeigen, dass eine so erreichte Abstützung dauerhaft stabil bleibt.
Am Ende übernimmt das eigene Gebiss die Aufgabe, die zuvor die Schiene erfüllt hat: Es hält den Unterkiefer in der schmerzfreien, physiologischen Position. Bildgebende Kontrollen (z. B. per DVT) bestätigen, dass die Kiefergelenke nach der Behandlung tatsächlich in der zuvor eingestellten, entlasteten Lage stehen. Weil dieses Vorgehen schonend und ohne sichtbare Apparaturen funktioniert, eignet es sich besonders gut für die kieferorthopädische Behandlung von Erwachsenen, die eine diskrete Lösung suchen.
Zwei Behandlungsbeispiele aus der Praxis
Eine 28-jährige Patientin mit langjährigen Beschwerden
Eine 28-jährige Patientin litt seit Jahren unter beidseitigen Kiefergelenksschmerzen mit Knackgeräuschen und bis in die Ohren ausstrahlenden Schmerzen. Hinzu kamen wiederkehrende Nacken- und Rückenbeschwerden, gegen die sie über längere Zeit ein Schmerzmittel einnehmen musste. Die Funktionsuntersuchung zeigte einen klaren Zusammenhang zwischen ihren Kiefergelenkbeschwerden und der Bisslage: Ein zu früher Kontakt im Frontzahnbereich und eine fehlende Abstützung hinten drängten den Unterkiefer und die Gelenkköpfchen nach hinten.
Nach erfolgreicher Schienentherapie war die Patientin nahezu schmerzfrei, und die Schmerzmedikation konnte beendet werden. Da die erreichte Bisslage über mehrere Wochen stabil blieb, wurde die Zahnstellung anschließend mit Alignern korrigiert – die schmerzfreie Kieferposition wurde dabei exakt übernommen. Nach Abschluss der Behandlung trafen alle Seitenzähne wieder gleichmäßig zusammen, und das Ergebnis blieb über einen Nachbeobachtungszeitraum von mehreren Jahren stabil.
Ein 60-jähriger Patient mit einseitigen Beschwerden
Ein 60-jähriger Patient klagte über einseitige Kiefergelenksschmerzen, vor allem rechts, sowie über häufige Rückenschmerzen. Die Untersuchung und die bildgebende Diagnostik bestätigten einen deutlich verengten Gelenkspalt im rechten Kiefergelenk – die Folge fehlender Abstützung im hinteren Bereich. Bei ihm wurde die festsitzende Schienen- und Aligner-Behandlung direkt kombiniert. Nach der Therapie war die vertikale Abstützung der Seitenzähne wiederhergestellt, und der zuvor komprimierte Gelenkspalt hatte sich messbar vergrößert; der Patient war beschwerdefrei.
Beide Fälle zeigen, dass die Methode altersunabhängig funktioniert und sich auch bei langjährigen Beschwerdebildern bewährt – vorausgesetzt, die Ursache liegt tatsächlich in der Bisslage.
Wann die Nachbehandlung beginnt
Die Schiene ist bei CMD nicht das Ende, sondern der Anfang einer durchdachten Behandlung. Sie findet die schmerzfreie Kieferposition und macht sie überprüfbar – die eigentliche Nachhaltigkeit entsteht jedoch erst, wenn diese Position dauerhaft gesichert wird. Die Überführung der therapeutisch eingestellten Kiefergelenksposition in eine stabile Verzahnung, schonend umgesetzt mit transparenten Alignern, ist dafür eine besonders verträgliche Lösung: Zähne werden gezielt bewegt, ohne die erreichte Kiefergelenksposition zu gefährden. So wird aus vorübergehender Beschwerdefreiheit ein dauerhaftes, stabiles Ergebnis.
Autoren: Dr. Werner Schupp, Dr. Julia Steinmaier (geb. Funke), Dr. Julia Haubrich, Dr. Wolfgang Boisserée
Quelle: Schupp, W., Funke, J., Haubrich, J., & Boisserée, W. (2019). Follow-up treatment after initial splint therapy. Journal of Aligner Orthodontics, 3(2), 147–164.